Dienstag, 24. Mrz 2020
Engelszungen
Am Sonntag habe ich endlich Dimitre Dinevs „Engelszungen“ fertig gelesen (mit einfachem 'e'). Es handelt sich um einen gut 600 Seiten starken Schmöker, den ich seit ein paar Wochen bzw. Monaten laß. In dem Gesellschaftsroman geht es um das Schicksal zweier bulgarischer Familien, die über Generationen immer mal wieder unbewußt, manachmal auch bewußt, in Kontakt kommen. Da sich der Roman über so eine lange Zeit erstreckt, werden auch verschiedene historische Ereignisse und Entwicklungen aufgegriffen und haben bisweilen einen maßgeblichen Einfluß auf das Geschehen. Ein Großteil spielt in Plovdiv, Bulgariens zweitgrößter Stadt.

Wenn man Bulgarien, seine Geschichte und Kultur ein bißchen kennt, dann wird man viele Details wiederfinden, die über die üblichen Klischees hinausgehen, was durchaus charmant ist. Die Geschichte und seine Charaktere sind gut und kreativ aufgebaut und verwoben. Es tauchen immer mal wieder Dinge auf, die hunderte Seiten vorher und 1-2 Generationen früher eine Rolle spielten. Die Handlung nimmt spannende Wendungen, die zumindest mich neugierig gemacht haben. Während die erste Hälfte eher an eine Aneinanderreihung seiner Kurzgeschichten erinnert, passiert ziemlich genau in der Mitte etwas, das mich beinahe dazu veranlaßt hätte, das Buch wegzulegen. Das Ende des Kommunismus, die Misere und Trostlosigkeit stellt Dinev gut dar, ohne es zu sehr auszubreiten. Er spielt mit der Sprache und manche Symbole sind geschickt eingesetzt. Zungen und Engel tauchen zum Beispiel wiederholt mehr oder weniger beiläufig auf.

Es gibt aber auch ein paar Sachen, die ich kritisch sehe. Abgesehen von ein paar Rechtschreibfehlern, die selbst ich gefunden habe, wandeln sich manche Charaktere zu stark, so daß man fast denken könnte, es ist eine andere Person. Teilweise ist das vielleicht sogar Absicht, denn die Armut nach dem Systemwechsel hat die Menschen stark getroffen und viele verändert. Trotzdem sind manche Wandel schwer nachvollziehbar und teilweise übertrieben. Sex kommt dauernd vor und ist zwar nicht zu explizit, aber vielleicht zu präsent. Ich hatte so meine Schwierigkeiten mit den vielen Charakteren. Da hilft es auch nicht, daß die Innenseiten der Buchdeckel die Stammbäume der beiden Familien zeigen. Legt man das Buch zu lange weg, dann ist man schnell draußen.

Fazit: Beim Lesen denkt man immer jetzt hat sich ein Paar gefunden, um glücklich zu werden, aber dann kommt doch wieder etwas dazwischen. Das Leben ist hart und man muß permanent kämpfen. Manchmal hat man Glück, muß aber auf der Hut sein, denn jeder Zeit kann einem das Schicksal einen Strich durch die Rechnung machen. Mir haben die Engelszungen nicht uneingeschränkt gefallen, aber ich bin froh, das Buch gelesen zu haben und finde es folglich lesenswert. Ob jemand, der keinen Bezug zu Bulgarien hat, etwas damit anfangen kann, ist eine andere Frage.

Hashtag: Literaturquadrat

... link


covid-corona-blog #10: Spekulatius
Ok, ich spekuliere mal wieder. Ich vermute, in den nächsten Wochen werden die Test massiv ausgeweitet. Dadurch können infizierte Mitmenschen isoliert und ansonsten das öffentliche Leben zumindest teilweise wieder hergestellt werden. Das wird dann möglicherweise noch mit Handydatenauswertung kombiniert. Die Alternative, Ausgangssperren etc. über Monate auszudehnen, wie es nötig ist bis die Fallzahlen abflauen, wäre nämlich zu fatal für die Wirtschaft. Mal sehen ...


siehe auch: #9

... link